News | Juni 2017

Interview: Ich bin dann mal weg – mit Acne inversa auf dem Jakobsweg

Interview: Jakobsweg mit Acne inversa

Solange die Acne inversa (Akne inversa) aktiv war, war die Reise undenkbar. Nun hat Sandra die Erkrankung in den Griff bekommen und sich einen lang gehegten Wunsch erfüllt: Sie ist den portugiesischen Jakobsweg gegangen. 11 Tage dauerte ihre Pilgerreise von Porto (Portugal) in das spanische Santiago de Compostela. 253 km legte Sandra in dieser Zeit zurück. Im Interview berichtet sie von ihren Eindrücken und davon, was sie auf dem Jakobsweg erlebt hat.

Sie haben im April eine ganz besondere Reise gemacht: Sie sind den portugiesischen Jakobsweg gegangen. Was war Ihr Beweggrund dafür?

Sandra: Den Jakobsweg zu gehen, das war schon seit Jahren ein Traum von mir, seit ich das Buch „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling gelesen hatte. Ich konnte aber nicht, die Acne inversa hat mich daran gehindert. Ich konnte nicht laufen, weil ich immer irgendwo Beulen hatte. Sport war auch nicht möglich. Jedes Mal, wenn ich mich stark angestrengt habe, hatte ich anschließend wieder vier oder fünf Beulen. Hinzu kam die Angst, was passiert, wenn ich unterwegs bin und Wunden nässen, sich ein Abszess bildet oder öffnet. Jetzt bin ich – nach meiner letzten Behandlung – seit drei Jahren symptomfrei. Das war die Voraussetzung dafür, dass ich mich auf den Weg machen konnte. Es gab einiges, was ich noch verarbeiten musste. In den letzten 18 Jahren hat die Acne inversa einige Spuren hinterlassen. Ich wollte für mich herausfinden, ob meine Ängste, die durch die Erkrankung entstanden sind, berechtigt sind.

Wie haben Sie sich auf die Reise vorbereitet?

Sandra: Ich habe mich erkundigt, welche Jakobswege es gibt und welcher davon etwas für mich sein könnte. Der französische, der ja am bekanntesten ist, fiel für mich gleich weg, da er inzwischen sehr überlaufen ist. Mir war wichtig, dass ich auch Ruhe finde. Der Schwierigkeitsgrad war auch wichtig, schließlich wollte ich mich nicht übernehmen. So habe ich mich für den portugiesischen Jakobsweg entschieden. Bei der Ausrüstung hat sich herausgestellt, dass ich eigentlich nur gute Schuhe und einen Rucksack benötigte. Alles Übrige hat man sowieso.

Welche Erfahrungen haben Sie auf der Reise gemacht? Ist es so gekommen, wie Sie es sich vorher vorgestellt hatten?

Sandra: Es war besser! Ich wollte herausfinden, wie fit ich körperlich bin und ob ich so krank bin, wie ich es mir selbst oder andere es mir eingeredet haben. Ich habe festgestellt: Nein, das bin ich nicht. Dann habe ich gelernt, dass meine Grenzen viel weiter gesteckt sind, als ich das vermutet hatte. Mit Acne inversa zieht man sich ja eher zurück und auch der Freundeskreis wird oft überschaubar im Laufe der Erkrankung. Ich wollte daher auch ein Stück weit ausprobieren, ob ich auf andere Menschen zugehen kann. Es hat sich gezeigt, dass mir das sehr gut gelingt – sogar in allen möglichen Sprachen, wenn es nötig ist. Ich habe sehr viele Menschen kennengelernt.

Was war Ihr einprägsamstes Erlebnis auf dem Jakobsweg?

Sandra: Gleich am Anfang der Reise hat mir ein erfahrener Pilger erzählt, dass der Weg irgendwann jeden Pilger zum Weinen bringt. Das habe ich nicht geglaubt, schließlich bin ich eigentlich nicht so nah am Wasser gebaut. Aber es passiert tatsächlich. Irgendwann tritt der Moment ein, an dem die Tränen kommen, auch wenn es eigentlich gar keinen Grund gibt. Die Tränen sind unglaublich befreiend. Mit jedem Schritt, den man läuft und weint, fällt das Laufen leichter. Das war sehr überraschend, aber das ging jedem so, den ich getroffen habe. Das war mein eindrücklichstes Erlebnis.

Sind Sie auf dem Weg auch an Grenzen gestoßen?

Sandra: Ja, an körperliche. Am vierten Tag, nach insgesamt 100 km mit Gepäck, ging nichts mehr. Ich wollte weiter, aber meine Beine haben nicht mehr mitgemacht. Das war die einzige Grenze, an die ich gestoßen bin. Nachdem ich 12 Stunden durchgeschlafen hatte, tat nichts mehr weh und es konnte weitergehen. Mir hat das gezeigt, dass in den Momenten im Alltag, in denen es manchmal scheinbar nicht mehr weitergeht, die Grenze noch gar nicht erreicht ist. Vielleicht habe ich da manchmal auch zu kurz vor dem Ziel aufgegeben.

Was haben Sie für sich persönlich von der Reise mitgenommen?

Sandra: Ich weiß jetzt, dass ich viel mehr kann, als ich mir bisher zugetraut habe. Ich weiß jetzt, wo meine Grenzen sind. Ich kann viel mehr, als ich dachte. Durch die Acne inversa werden viele Grenzen gesetzt, vor allem körperliche. Obwohl ich derzeit keine Beschwerden habe, waren die Grenzen noch in meinem Kopf. Auch im Umgang mit anderen. Mit den Menschen, denen ich auf dem Jakobsweg begegnet bin, habe ich erlebt, wie es ist, sich einfach gegenseitig so anzunehmen, wie man ist. Die Acne inversa stand nicht im Vordergrund. Das war eine wichtige Erfahrung: Ich bin mehr als meine Krankheit. Auf dem Jakobsweg hat jeder seine Geschichte und jeder läuft seinen Weg – so wie er möchte und so wie er kann.

Werden Sie noch einmal eine Pilgerreise machen?

Sandra: Nächstes Jahr, das steht schon fest. Ich möchte jetzt jedes Jahr zwei Wochen unterwegs sein. Für 2018 habe ich mir den sogenannten englischen Jakobsweg ausgesucht. Der führt von Ferrol an der spanischen Küste nach Santiago de Compostela.

Vielleicht kann ich durch meinen Bericht andere Menschen mit Acne inversa ermutigen, selbst einmal mehr auszuprobieren oder etwas zu wagen. Ich glaube, jeder kann einen Pilgerweg schaffen, im eigenen Tempo natürlich. Gerade mit einer chronischen Erkrankung erfährt man unglaublich viel auf dem Weg – über sich und über das Leben.

Vielen Dank für das Gespräch!

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